Die politische Dimension in der Internationalen Jugendarbeit – Übersicht über laufende Prozesse

 

Die politische Dimension der Internationalen Jugendarbeit blieb in den letzten Jahrzehnten sowohl in fachlichen Diskursen als auch in Teilbereichen der Praxis eher unberücksichtigt. Wie bereits seit einigen Jahren aus Teilen der Wissenschaft gefordert (u.a. von Prof. Andreas Thimmel, TH Köln) sind hier Forschungs- und Praxisentwicklungen erforderlich. Vor diesem Hintergrund wurde in Zusammenarbeit zwischen IJAB (über das Innovationsforum) mit „Forschung-und-Praxis-im-Dialog“ (ehem. Forscher-Praktiker-Dialog) das Projekt „Die Politische Dimension in der Internationalen Jugendarbeit“ initiiert, welches das Ziel verfolgt, dieses Thema wieder verstärkt in den Diskurs und die Praxis einzubringen. Dabei wird davon ausgegangen, dass die politische Dimension in Aktivitäten der Internationalen Jugendarbeit auf verschiedenen Ebenen „im Hintergrund mitläuft“, es jedoch an Sichtbarkeit fehlt.


 

Was bisher geschah:

 

Literaturrecherche
 

Zur Begriffsannäherung und Sichtbarmachung der politischen Dimension führte Stefan Schäfer (TH Köln) eine Literaturrecherche durch, die im Januar 2015 im Rahmen eines Workshops vorgestellt und diskutiert wurde. In seiner Recherche suchte er nach Anknüpfungspunkten zur Sichtbarmachung des Politischen in der Internationalen Jugendarbeit. Es wurden Politische Bildung, Bürgerschaftlichkeit und Zivilgesellschaft sowie das Konzept der „Reflexiven Internationalität“ als politische Dimensionen der Internationalen Jugendarbeit identifiziert, an denen eine vertiefende Erforschung des Politischen ansetzen könnte. (siehe hierzu: Literaturrecherche Stefan Schäfer in der Schriftenreihe 1/2015).

 

Qualifizierungsansätze für Teamerinnen und Teamer
 

Im Mai 2015 fand ein Workshop in der Jugendakademie Walberberg statt, in dem Expert_innen aus der Praxis der Internationalen Jugendarbeit Qualifizierungsansätze für Teamer_innen zur Stärkung der politischen Dimension in der Praxis diskutierten. Hier ging es noch nicht um die Erarbeitung eines konkreten Trainings, sondern zunächst um grundlegende Ansätze und Inhalte für Qualifizierungskonzepte. Es wurden Ideen entwickelt, die durch eine Schulungseinheit zur politischen Dimensionen in bestehende Qualifizierungen integriert werden können.

 

Die besprochenen potentiellen Inhalte für eine solche Schulung sind zum Beispiel:

 

  • Die Schaffung eines Überblicks über die Geschichte der Internationalen Jugendarbeit in Bezug auf ihren politischen Anspruch und ihr Selbstverständnis.

  • Das Aufzeigen mithilfe eines Beitrags, was Politische Bildung im Kern ist und was politische/demokratische/gesellschaftliche Kompetenzen sind/sein können.

  • Die Sensibilisierung der Schulungsteilnehmer, alltägliche Situationen der Begegnung „politisch aufzuschließen“ und sie gemeinsam mit Jugendlichen zu reflektieren vor dem Hintergrund, dass politische Bildungsprozesse, ob geplant oder nicht geplant, ob im Programm oder im informellen Bereich, in jeder internationalen Maßnahme stattfinden. Der Hinweis auf bzw. die Erprobung spezifischer Methoden, die selbst einen demokratischen/partizipativen Gehalt haben (Open Space, Zukunftswerkstatt, Barcamp etc.)

  • Das Nachdenken über ein „Analysetool“, durch das Teilnehmende der Schulung herausfinden können, wie viel Politische Bildung ggf. bereits die eigene Praxis beinhaltet.

 

Grundsätzlich wurde festgehalten, dass bei der konkreten Planung einer Schulungseinheit teilweise mit Vorbehalten gegenüber Politischer Bildung zu rechnen ist. Aus diesem Grund soll die Einheit vor allem Lust auf Politische Bildung machen und für das Feld motivieren. Des Weiteren soll bei der Schulung unbedingt berücksichtigt werden, dass möglicherweise im internationalen Kontext sowohl unterschiedliche Verständnisse von Politischer Bildung als auch unterschiedliche gesellschaftliche Bedingungen/Herausforderungen bestehen.

 

Fachtag
 

Im Rahmen des Gesamtprozesses der politischen Dimension fand am 09. November 2015 ein Fachtag statt, auf dem die bis dahin gelaufenen Prozesse gebündelt wurden und die Beteiligten über deren Weiterentwicklung und nächste Schritte diskutierten.

Inhaltliche Impulse boten Bettina Lösch (Uni Köln) und Andreas Thimmel (TH Köln). Bettina Lösch umriss das Forschungsfeld aus der Perspektive kritischer Demokratietheorie und legte verschiedene Anknüpfungspunkte offen. Zentral war die Idee von Politischer Bildung als einer Praxis, die an den Interessen von Jugendlichen anknüpft und hierüber die politische Dimension als gemeinsame Erfahrung im neoliberalen Kontext zur Sprache bringt.

Andreas Thimmel unterstrich die Relevanz des Themas auf Basis einer Gesellschaftsanalyse, der die These zugrunde liegt, dass sich der Neoliberalismus überlebt hat und sich die Frage des Politischen daher neu stellt. Thimmel thematisierte hier zwei Ebenen: Einerseits eine auf Politikfeldanalyse und die Etablierung eines unabhängigen Diskurses zielende Ebene von Strukturfragen, andererseits eine auf die Sprechfähigkeit der Akteure zielende Ebene, die auf eine Anfrage an Politikwissenschaft und Politische Bildung in Hinblick auf politikrelevantes Wissen abhebt. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie das Politische mit internationalen Partnern zu thematisieren ist ohne Hierarchien einzuführen. Thimmel schloss mit einem Plädoyer für eine langfristig angelegte Erforschung der politischen Dimension unter Beachtung der inhaltlichen Unabhängigkeit von Wissenschaft gegenüber Politik und Fördergebern. Der Fachtag diente außerdem zur Vorstellung laufender Prozesse, so z.B. der Jahrestagung in Bad Urach, der Platzierung der Politischen Dimension auf der „European Plattform on Learning Mobility“ (EPLM), der bisherigen Forschungsentwicklungen und der Überlegungen zu Qualifizierungsansätzen für Teamer_innen:

 

Tagung in Bad Urach:

In diesem Jahr fand bereits zum zweiten Mal eine Tagung zum Thema Internationale Jugendarbeit und Politische Bildung in Bad Urach statt. Die in Kooperation der Beteiligten Forschungsschwerpunkt Nonformale Bildung (TH Köln), Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und Sekretariat der Kultusministerkonferenz/ Pädagogischer Austauschdienst, Bonn durchgeführte Tagungsreihe hat die Herstellung eines Diskurszusammenhangs zwischen Forschung und Praxis außerschulischer politische Bildung, Internationaler Jugendarbeit und Politikdidaktik zum Ziel.

 

EPLM:

Die „European Plattform On Learning Mobility“ (EPLM) bietet eine Plattform für den kontinuierlichen Austausch von Forschung, Praxis und Fachpolitik im Bereich der Internationalen Jugendarbeit. Auf der diesjährigen Konferenz in Istanbul wurde die politische Dimension platziert, um sie auch im internationalen Kontext diskutieren zu können.

 

Forschungsentwicklungen:

Es wurden sowohl die bisherigen Forschungstätigkeiten als auch die angestrebten Forschungsentwicklungen vorgestellt. Ausgehend von der Literaturrecherche und den darin benannten Feldern einer Thematisierung des Politischen sowie den zu beobachtenden Prozessen einer Ausblendung desselben wären zunächst auf diskursiver Ebene Politisierungs- und Entpolitisierungsprozesse zu erforschen. Angesichts der Eingebundenheit der Internationalen Jugendarbeit in politische Prozesse und der Tatsache, dass mit Internationaler Jugendarbeit (und ihren Adressat_innen) Politik „gemacht wird“, besteht die Notwendigkeit zur Durchführung einer Politikfeldanalyse, die das Zustandekommen von Internationale Jugendarbeit betreffenden politischen Entscheidungen sowie Möglichkeiten der fachlichen Selbstbestimmung bzw. politische Einflussnahme „von unten“ sichtbar machen kann. Darüber hinaus wäre in Form von Praxisforschung deutlich zu machen, wie das Politische durch die Akteure (sowohl Teamer_innen als auch Jugendliche) im Rahmen einer Begegnung kommunikativ zur Anwendung kommt.

 

Qualifizierungsansätze für Teamer_innen:

Die Ergebnisse des oben dargestellten Workshops zu Qualifizierungsansätzen für Teamerinnen und Teamer sowie das Vorhaben einer Pilotdurchführung wurden vorgestellt und diskutiert. Vor dem Hintergrund des Vortrags von Bettina Lösch wurde die globale Perspektive verstärkt mit einbezogen und über die Idee des gemeinsamen Erfahrungsaustausches im neoliberalen Kontext diskutiert.

 

Um das Thema verstärkt im internationalen Kontext in den Blickpunkt zu stellen, wurde auf dem Fachtag des Weiteren die Planung einer internationalen Veranstaltung unter der Regie von Jugend für Europa ins Auge gefasst (Beispiel: Internationaler Teamerkongress). Die unterschiedlichen Stränge, wie die Implementierungsideen für die Praxis, die Forschungsentwicklungen sowie die internationalen Veranstaltungen werden in Zukunft von den jeweiligen Akteuren weitergeführt und in regelmäßigen Treffen zusammengetragen. Durch den Austausch von Entwicklungen und Ergebnissen im Rahmen einer Arbeitsgruppe sind weitere Synergien zu schaffen und die von allen gewünschte Kontinuität herzustellen.

 

Weitere Informationen zum Projekt unter:
www.forscher-praktiker-dialog.de/fpd_aktuelle_projekte/6930464.html

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